Martin Mlecko . HysteriaFilmpremiere Symposium 29. Januar 2009 Fieberkurve einer Liebesgeschichte, 24-minütiges Stakkato emotionsgeladener Szenen und Leidenschaften, die alle Verliebten, sich Liebenden und Entliebenden nur allzu gut kennen – „Hysteria” zeigt die Höhen und Tiefen sowie die großen Empfindungen einer wechselhaften Beziehung. Das Besondere des Films ist seine Perspektive, denn das große, kleine Drama der Stimmungen und Gefühle wird nur durch eine Kette von Telefonaten einer einzelnen Person vorgeführt, als halbierter Dialog ohne die Stimme, das Gesicht und den Ort des Gegenübers. Emma, die einzig sicht- und hörbare Protagonistin des Films, schwelgt und schwärmt, genießt und leidet, problematisiert und wütet mit dem Telefon am Ohr. Sie sitzt, steht, geht, sie räkelt sich und tigert auf und ab, mal in einer Berliner Wohnung, mal in einem Apartment irgendwo an der italienischen Küste - und die Kamera weicht dabei nicht von ihrer Seite. Ohne den natürlichen zweiten Sender und Empfänger ist dieses uralte „amour fou"-Spiel irritierend, auch enervierend, und schafft eine eigentümliche Distanz, obwohl man als Zuschauer doch hautnah dabei ist. Wie unter dem Brennglas wird Emma beobachtet, ohne dass man dabei beurteilen könnte, ob sie sich nach dem Gesetz der Liebe ganz „normal" verhält oder womöglich dem Wahnsinn verfällt – genauso, wie es jedem Verliebten ginge, wenn er etwas zu seinem eigenen Verhalten sagen sollte. Das Ausgangsmaterial, das Mlecko als dokumentarischen Stoff für „Hysteria" benutzt hat, ist seine Sammlung von authentischen SMS. Ihm ist dabei besonders wichtig, eine kinoentsprechende technische Umsetzung zu realisieren, um Film als die gewählte Medialisierung nicht nur anzudeuten oder zu zitieren, sondern sie für den Betrachter auch tatsächlich einzulösen. Mlecko beschäftigt sich seit vielen Jahren als Künstler mit filmischer Ästhetik und Dramaturgie. In seinen konzeptionellen Fotoserien und Videos versucht er ganz im Sinne eines Ethnologen den allgemeinen kulturellen Bedingungen der heutigen westlichen Gesellschaft auf die Spur zu kommen - das jedoch nicht als Wissenschaftler, sondern als „Bildermacher" mit einem besonderen Gespür für die kompositorischen und atmosphärischen Potenziale dieser Medien. Wer „Hysteria" sieht wird nicht überrascht sein, dass zu Mleckos Hausgöttern der Filmkunst vor allem Antonioni, Godard, Cassavetes und Marker zählen. Martin Mlecko, geboren 1951 Essen, ist ein romantischer Konzeptkünstler und poetischer Dokumentarist. Seine konzeptuell orientierten Projekte setzt er in zeichenhaften visuellen Inszenierungen um. Je nach Thema und Situation bedient er sich unterschiedlicher Techniken und Materialien, insbesondere Fotografie und zunehmend auch Film. So kreierte Mlecko große installative Fotoreihen wie „Die Dinge des Lebens" (1997), „Berlin/Berlin" (1998) oder „Private Life" (2000) und am Film orientierte inszenierte Fotografien wie „Gewalt und Leidenschaft" (2005). Immer wieder beschäftigt er sich in oft seriellen Arbeiten mit Zeit- und Wahrnehmungsphänomenen wie Verschwinden und Erinnern und fragt dabei nach der Vermittelbarkeit des eigenen Blicks auf diese Erfahrungen. Mlecko hat seit drei Jahren einen Lehrauftrag für inszenierte Fotografie an der Kunsthochschule Weißensee inne. Er lebt und arbeitet in Berlin. |
